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Gisela Pommerenke
Simplizissimus - Preisträgerin 2016
von Dr. Dorit Litt

Krieg_2 

Nach den inhaltsreichen (Vor-)Reden ist es für mich in doppelter Hinsicht eine schöne Aufgabe, die Laudatio auf das preisgekrönte Werk und dessen Schöpferin zu halten. Zum einen findet die 5. jurierte Ausstellung und die Verleihung des Simplizissimus-Preises erstmals im wiedereröffneten Museum Wilhelm Morgner statt, das mit seinem schmetterlingsähnlichen Logo Ausflüge in neue Dimensionen verspricht.
Zum anderen darf ich mich gleich zu einem Kunstwerk äußern, das unmittelbar berührt und nachhaltig wirkt, das aktuell und zugleich zeitlos ist sowie malerische und plastische Gestaltungselemente in eindrucksvoller Weise verbindet.
Unter den vielen künstlerisch anspruchsvollen Werken, die für diese Ausstellung in Frage kamen, fiel uns – also den Jurymitgliedern – sogleich die Arbeit von Gisela Pommerenke auf. Aber nicht, weil sich ihr Werk mit dem laut und scharf klingenden Titel „Krieg“ durch besondere Effekte aufdrängt. Vielmehr handelt es sich hierbei um eine ganz stille Arbeit, die sich in ihrer maßvollen Größe durch eine verhaltene Formensprache und gedämpfte Farbigkeit auszeichnet.
Die handwerklichen Voraussetzungen für ihre künstlerische Arbeit hat sich Gisela Pommerenke als Autodidaktin über drei Jahrzehnte erarbeitet. Seit 1981 beschäftigt sie sich mit Ton – also mit einem Material, das ihr besonders liegt, auch weil es unendlich viele gestalterische Möglichkeiten bietet. Neben dem Studium der Fachliteratur zur Keramik besuchte sie Sommerakademien und Workshops, um bei namhaften Künstlern zu lernen. Durch die Zugehörigkeit zur Gruppe „Forum Keramik“, deren Mitglieder gemeinsam Themen bearbeiten und danach ihre individuellen Ergebnisse ausstellen, erhielt Gisela Pommerenke eine neue Sicht auf die Keramikkunst. Die gewünschte Formensprache folgt seitdem nicht mehr einem „Bauchgefühl“, sondern dem lustvoll erlernten Handwerk, das ihrer Experimentierfreude einen breiten Spielraum zwischen Gegenstand und Abstraktion, zwischen freier und angewandter Kunst eröffnet. Einige ihrer figürlich-erzählerischen Plastiken, die jüngst in Ausstellungen zu sehen waren, zeigen ihre humorvolle Seite. Im Unterschied dazu verlangt das nachdenkliche Werk „Krieg“ einen besonderen Schutzraum, den das Museum Wilhelm Morgner nun temporär bietet.
Gisela Pommerenke, die zur Nachkriegsgeneration gehört, wurde unweit von Soest in Westönnen geboren. Hier wuchs sie wohlbehütet mit drei älteren Schwestern auf. Ihr Geburtsort war – im Gegensatz zu den umliegenden Städten Soest, Hamm, Dortmund und Paderborn – vom Krieg verschont geblieben. Und ihr Vater, der aus russischer Gefangenschaft heimgekehrt war, wollte mit den Kindern nicht über seine Kriegszeit reden. Er starb, als Gisela Pommerenke zehn Jahre alt war.
Persönliche Kriegserlebnisse erfuhr sie erst später von Frauen aus dem familiären Umfeld. So erzählte die Schwiegermutter, wie sie im Januar 1945 aus Braunsdorf (nahe Posen) mit ihren vier Kindern, die damals 2 bis 9 Jahre alt waren, vertrieben wurde, nachdem sie kurz zuvor dem Tod entkommen waren. Ihr Leben verdankten sie polnischen Nachbarn, denen die Schwiegermutter im Krieg geholfen hatte. Andere Frauen dieser Generation berichteten von Übergriffen und Vergewaltigungen.
Schilderungen aus Büchern u.a. vom ehemaligen Leiter des Soester Stadtarchivs ergänzten ihr Geschichtsbild. Gerhard Köhns Veröffentlichungen zum Krieg und Erläuterungen zur Geschichte der Soester Juden blieben ihr so in Erinnerung. Aufnahmen von Trümmern zerbombter Häuser und Kirchen sah sie aber erst, als sie im historischen Lichtbildarchiv von Soest selbst tätig war.
Nachrichten über Kriege, Flucht und Vertreibung sowie deren schrecklichen Begleiterscheinungen erreichen uns heute wieder – fast täglich – über die Medien. „Das Inferno in Aleppo ist zum Heulen“, so überschrieb am 27. September die online-Ausgabe „Der Zeit“ einen Bericht über Syrien. Am gleichen Tag explodierten zwei Sprengsätze in Dresden. Nicht weit davon entfernt saß ich gerade in der wiederaufgebauten Semperoper.
Und Mitte September konnte man der Tagespresse entnehmen, dass immer mehr syrische Frauen mit ihren Kindern allein auf der Flucht sind. Zitat: „40 Prozent aller syrischen Flüchtlingsfamilien in Jordanien müssen ohne Familienvater auskommen ... Dies seien fast doppelt so viele Familien wie noch vor zwei Jahren.“
Beim Lesen dieser Zeilen im Bonner General-Anzeiger, aber auch schon zuvor bei der Beschäftigung mit der Arbeit von Gisela Pommerenke fiel mir das Antikriegslied von Pete Seeger wieder ein, das Marlene Dietrich in deutscher Sprache gesungen hat. Die dritte Strophe beginnt mit: „Sag mir wo die Männer sind. – Wo sind sie geblieben?“
Das heute preisgekrönte Werk thematisiert auch diese Frage und allgemein die Folgen des Krieges sowie den nicht enden wollenden Leidensweg unzähliger Menschen. Der Werktitel spielt dabei aber kaum noch eine Rolle, denn alternativ hätte die Arbeit „Flucht“, „Emigration“ oder „Trauma(ta)“ heißen können. Was letztendlich für die Juryentscheidung zählte, war also weder der Titel, noch die Biographie der Künstlerin. Was zählte, war die künstlerische Umsetzung des existentiellen Themas in seiner gestalterischen Komplexität. Deshalb möchte ich noch in gebotener Kürze darauf eingehen, wie das Thema von Gisela Pommerenke bewältigt wurde.
Das Gesamtkunstwerk besteht aus einer Figurengruppe vor einer zerstörten Stadtlandschaft mit noch erkennbaren Spuren einer Hochkultur. Vermutlich denken einige von ihnen sogleich an Aleppo oder an deutsche Trümmerlandschaften nach dem Zweiten Weltkrieg. Millionen Menschen waren damals – wie heute wieder – auf der Flucht vor den Bomben und Granaten und auf der Suche nach einer sicheren Bleibe.
Gisela Pommerenke erinnert mit ihrer Arbeit allgemein an die weltweite Gefährdung geschichtsträchtiger Stätten und an die Verwüstung urbaner Lebensräume, aber auch an das tiefe menschliche Leid, das Krieg und Terror mit sich bringen.
Bereits das mittelgroße Hintergrundbild lässt den Atem des Betrachters stocken. Um der Realität möglichst nahe zu kommen, wählte Gisela Pommerenke ein historisches Fotomotiv gleichsam als „Pars pro Toto“, das sie auf eine mit Acrylfarben bemalte Spanplatte transferierte. Eine Anhäufung grob geschnittener und gebrochener Keramiksteine durchbricht in der unteren Hälfte den zweidimensionalen Bildraum. In diesem Relief liegen grob modellierte menschliche Masken aus braunem Ton und Kaolin, wodurch das angedeutete Trümmerfeld symbolisch zu einem Massengrab wird.
Davor steht eine dicht aneinander gedrängte Figurengruppe auf einer mit schwarzer Engobe und Kaolin bemalten Standfläche, die verbrannter Erde gleicht. Die Frau mit einem kleinen Mädchen auf dem Arm, der Junge und zwei weitere Mädchen sind barfuß und notdürftig bekleidet. Das älteste Mädchen hält mit der linken Hand das zerrissene Kleid schamhaft über der Brust zusammen. Die Bekleidung der anderen Figuren bringen mit sanften Blau, Rot- und Brauntönen farbige Akzente in die Komposition, wogegen die blassen Körper und Köpfe mit realistisch ausformulierten Gesichtszügen unbemalt geblieben sind. Die reine Tonfarbe ist das verbindende gestalterische Element zwischen den erschöpft wirkenden Einzelfiguren, die zu einer Flüchtlingsfamilie gehören könnten. Nur wo ist der Vater, wo sind die Großeltern geblieben? Haben sie den Krieg überlebt? Was haben die Flüchtlinge gesehen und erlebt? Wurden sie misshandelt, missbraucht? Gibt es für sie Hoffnung auf eine menschenwürdige Zukunft? Allein der Junge schaut das neben ihm stehende Mädchen hilfesuchend an.
Und wieder werden wir an Pete Seegers Song erinnert: „Sag mir wo die Blumen sind – Wo sind sie geblieben?“ ...Auch wenn die Figurengruppe vor dem Trümmerfeld recht verloren wirkt und Gisela Pommerenke mit ihrem Werk mehr Fragen provoziert als Antworten geben kann, will sie uns keineswegs desillusionieren. Vielmehr möchte sie den Betrachter für die Situation von Flüchtlingen sensibilisieren und im besten Falle Empathie wecken. Zum Zwiegespräch mit den Figuren sowie zu weiterführenden Gedanken und Gesprächen möchte ich Sie jetzt, sehr geehrte Damen und Herren, einladen. 
Zuvor aber möchte ich noch der Gewinnerin des Simplizissimus-Preises herzlich gratulieren und Ihnen, liebe Frau Gisela Pommerenke für ihr weiteres Schaffen viel Erfolg wünschen!

02 Oktober 2016
Ausführliche Informationen zur Autorin Dr. Dorit Litt finden sie hier (externer Link!)


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